Der Ortsteil Borstel – aus der Geschichte der Gemeinde Sülfeld

Der Ortsname Borstel ist sächsischen oder mittelniederdeutschen Ursprungs. Er bedeutet Bur = Bauernschaft und bezeichnet die Stelle einer Siedlung, die in Anlehnung an eine bereits bestehende gegründet worden ist, also eine Tochtergründung aus einem Mutterdorf. Das Mutterdorf ist wahrscheinlich schon am Ende des ersten Jahrtausends als kleines, unbedeutendes Abbaudorf entstanden. Auch diese Siedlung hat die Wendenkriege über sich ergehen lassen müssen. Nach Verdrängung der Wenden kann die Neubesiedlung beginnen. Der Landesherr erteilt einem Angehörigen der Familie der de Tralowe den Siedlungsauftrag für den wüsten Platz Borstel, dieser nennt sich fortan de Borstelde. In alten Borsteler Gutskarten ist zwischen Borstel und Itzstedt die Flurbezeichnung Alten Borstel – Ohlen Borstel enthalten. Urkundlich wird Borstel 1258 erstmals erwähnt.

Beim Übergang von der traditionell betriebenen Hofwirtschaft zur Gutswirtschaft unter Ausnutzung der in die Leibeigenschaft gezwungenen vormals freien Bauern machen die von Buchwaldts Borstel zu einem der größten Güter in den Herzogtümern, mit einer Fläche von mehr als 12.000 ha. Die Geschichte Borstels kann nur eingebunden in die Sülfelder Kirchengeschichte gesehen werden; bereits 1207 wird Sullevelde erstmals urkundlich erwähnt. Über die Jahrhunderte übt der Herr auf Borstel das Patronat über die Sülfelder Kirche aus. Nachfolger des Geschlechts der de Borstelde auf Borstel ist das urstormarnsche Geschlecht der Hummersbüttel.

Um 1450 beginnt dann durch Einheirat die entscheidende Ära derer von Bockwolde, später eingedeutscht von Buchwaldt, mit dem gekrönten Bärenkopf im Wappen, auf Borstel. Große, wenn auch nur kurze Berühmtheit erlangt auch Borstel als 1529 der Alster – Trave – Kanal fertiggestellt ist, ein direkter Nord-Ostsee-Kanal durch die Gutsländereien von Borstel. Zu dieser Zeit ist in enger Nachbarschaft zum Adelshof hier eine Wassermühle nachweisbar. 1540 lehnt Marquard von Buchwaldt, Herr auf Borstel, auf dem Landtag zu Rendsburg die von König Herzog Christian III. vorgelegte neue evangelische Kirchenordnung noch ab, er gehört zum katholischen Lager. 

Erst nach seinem Tod 1545 greift auch hier die Reformation. Im Zuge der Erbaufteilung nach dem Tod Jasper von Buchwaldts auf Borstel durch den Brüdervergleich von 1588 wird Borstel aufgeteilt, das selbständige Gut Jersbek entsteht; bei Borstel verbleiben: Sülfeld, Grabau, Seth, Oering und der Sandkrug, die Borsteler Wassermühle, die Eisen- und Papiermühle, der Kehdingsteich, die Fischerei auf dem Itzstedter See, Moore, Hölzungen, Wiesen und Weiden.

1737 brennen die Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Gutes vollständig nieder. 1740 werden die Wirtschaftsgebäude, 1751 das noch heute stehende Herrenhaus im Auftrag von Friedrich von Buchwaldt neu errichtet. 1761 fällt das Gut durch Heirat an den berühmten dänischen Staatsmann Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff; sein Erbe, der dänische Staatsminister Graf von Bernstorff, hebt 1787 die Leibeigenschaft im Gutsbezirk auf.

Aufgrund ruinöser Bewirtschaftung wechselt Borstel jetzt mehrfach den Besitzer bis 1806 Kay Lorenz Baron von Brockdorff Besitzer wird, 1838 gelangt Borstel dann in das Eigentum der Grafen von Baudissin. Nach Auflösung des Gutsbezirks Borstel erfolgt 1927 die politische Vereinigung mit der Gemeinde Sülfeld. 1930 erwirbt der Margarinefabrikant Friedrich Bölck Borstel, er richtet hier übergangsweise ein Kindererholungsheim ein. Zwei Jahre später werden die Ländereien durch die Siedlungsgesellschaft Bauernland in Berlin aufgesiedelt und an 71 Siedler verteilt. 1934 erfolgt die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Borstel.

In den 1930 er Jahren rufen die Siedler das Borsteler Waldfest ins Leben; in dieser Tradition veranstaltet die Feuerwehr dieses Fest noch bis vor wenigen Jahren. 1938 geht der verbliebene Gutshof auf das Deutsche Reich über; es wird hier eine Führerinnen – Schule sowie eine Lagerschule für den weiblichen Reichs – Arbeits – Dienst, RAD, eingerichtet. Nach Kriegsende sind im Herrenhaus zunächst ehemalige polnische Zwangsarbeiter untergebracht bevor am 23. Juli 1947 im Heidkrug in Kayhude die Stiftung Tuberkulose – Forschungsinstitut Borstel von den Ländern Hamburg, Bremen, und Schleswig-Holstein, dem Kreis Segeberg sowie den Landesversicherungsanstalten Hamburg, Oldenburg - Bremen und Schleswig – Holstein gegründet wird, später kommt als weitere Stifterin noch die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte hinzu.

1965 erfolgt die Umbenennung in Forschungsinstitut Borstel – Institut für Experimentelle Biologie und Medizin. Anlässlich des Welt – Lepra – Tages besucht Bundespräsident Walter Scheel im Januar 1976 die Einrichtung in Borstel. Hier sind zwischenzeitlich neue moderne Laboreinrichtungen entstanden, ebenso der Neubau einer Klinik. Zu Beginn dieses Jahrtausends erfolgt die grundlegende Sanierung des bedeutendsten Herrenhaus - Baus der Rokoko – Zeit in Schleswig - Holstein mit einem Aufwand von annähernd 7 Million Euro. Abgeschlossen ist zwischenzeitlich auch die Umsetzung des ersten Sanierungsabschnittes für die Außenanlagen am Herrenhaus mit dem Ehrenhof sowie dem weiten Garten, umgestaltet im Stil eines englischen Landschaftsparks, finanziell maßgeblich gefördert durch die Europäische Union.

Heute gehört die Einrichtung Borstel als anerkanntes nationales Referenzzentrum für Mykobakterien und als Leibniz – Zentrum für Medizin und Biowissenschaft zur Leibniz – Gesellschaft mit bundesweit 84 außeruniversitären Forschungsinstitute und Serviceeinrichtungen für die Forschung. Dabei fungiert das vollständig sanierte Herrenhaus als Wissens- und Kommunikationszentrum des Forschungszentrums Borstel. Nicht zuletzt ist diese Einrichtung ein wichtiger Arbeitgeber auch für die ganze umliegende Region.

Gemeindearchiv Sülfeld
Ulrich Bärwald

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